Der Domberg

Der Domberg und sein Bergschatz ⚒

Im topografischen wie brüderlichen Verbunde mit dem Ringberg, dem Friedberg, dem Lautenberg und dem Döllberg - seinem einst „erzigstenen” Konkurrenten - steht der 675m hohe dem Suhler Stadtzentrum unangefochten am nähsten und dominiert es mit wohlwollender Zugewandtheit. Wengleich man ihn vom Stadtzentrum aus beginnend, schon in wenigen Minuten zu Fuß zu berühren vermag, so kann man dies im Vorhinein auch schon staunend mit dem Auge und dem Herzen tun.

Und wenn man sich entschließt, beides gleichzeitig zu tun, ihn also auf schmalem Pfad zu ersteigen und ebendies mit dem Auge, die vom menschlichen Willen geschaffenen Spuren zu deuten, bekommt der interessierte Spurenleser eine Vorstellung vom historisch vielschichtigen und lebhaften Zeitgeschehen, welches sich auf ihm und mit ihm zutrug.

Denn, schon vor Jahrhunderten verfingen sich die rußigen Rauchfahnen der Schmelzöfen, das Schlagen und Pochen der Stahlhämmer der zahlreichen Büchsen- und Kleinschmieden, in der ihm eigenen Flora und umwölkten so manch markantes Antlitz desjenigen, der kräftig, kühn und fähig genug war, aus seinem Innersten die erzige Qualität - seinen Bergschatz - hervorzubringen, für dessen praktische und kunstvolle Verarbeitung Suhl vor allem so gerühmt wurde. Und vor dieser Epoche, so zeigen die heimatkundlichen Forschungen auf, ist mit hoher Wahrscheinlichkeit ein keltischer vielleicht sogar ein jungsteinzeitlicher Siedlungsplatz, wie auf seinem Bergplateau mit einer dazugehörigen, sich etwas unterhalb befindlichen heidnischen Kult- und Totenstätte, dem „Ehwed”, zu vermuten. Es kann dies ein Platz gewesen sein, auf dem, neben dem Kult zu Gunsten irdisch bestimmter Geister und Götter, wie z.Bsp. Wald-, Berg- und Gewässerwesen, die ihrerseits für das Leben und Wirken der Sippe () so bedeutungsschwer waren, nachgegangen wurde. Diese Naturentitäten, und der Kontakt zu ihnen, war im mystisch-religiösen Verständnis für das ökonomische Dasein und den Schutz des Stammes oder der Sippe und ihrer kultischen Organisation unerlässlich und dadurch so wichtig. Darunter fallen auch die verschiedensten Formen und Gattungen von Zauber. Dieser Platz, der als oder mit - „Ehwed” mit einem in seiner Mitte angeordneten, sogenannten „Observations-Stein” bezeichnet wird, kann überdies aber auch als religiöse Idendifikations- und Zugehörigkeitsstätte einer oder aufeinander folgenden „Dombergsippen” fungiert haben, auf dem indigen geprägter zu besonderen Anlässen initiiert, vollzogen und bekräftigt wurde.

Aber nicht nur Eisenerz, Kupfer und Silber, vergab er als Erlös eines schier mühseligen aber um so mehr ehrwürdigen Tagwerks eines . Er gab auch Salzsiedern Lohn und Brot. Doch bedurfte es zum lohnenden Salz sieden, also zum Herauskristallisieren der Salzanteile aus seinem Bergwasser, riesiger Holzmengen, so das dieser Erwerbsbereich nicht allzu lange rentabel und somit praktizierbar betrieben werden konnte. Nichtsdestotrotz blieben die Suhler Solquellen, als Heil- und Trinkquelle von Bedeutung.

Nicht minder bietet dieses 675 m hohe felsige Manifest, himmelwärts überkrönt vom 21 m hohen Bismarkturm und seinem der Stadt zugewandten Ottilienstein, seit seiner inneren Erschließung, Raum, Zeit und Gelegenheit für Sagen und Mythenbildung. Die wohl hervorstechendste und bekannteste unter und vor allen anderen ebendies die tragisch-romantischste ist die Sage von der weißen Bergmannsjungfrau. Mit ihr, schien wohl der Abgesang auf den einst über Jahrhunderte die Region bestimmende Erzabbau, dessen Verlust für die Menschen von Suhl - Suhla - und das da heraus nicht mehr zu erlangende Auskommen, in dramatisch wie sagenumwobener Form, seinen Ausgang und sein Ende, zu finden. Denn über eine derart weitgefasste, über Jahrhunderte andauernde, für die Region in vielerlei Hinsicht ergiebige Periode, war der Bergmann der Ernährer seiner Familie und konnte so als Schöpfer und Erhalter von Traditionen zum Zusammenhalt und Verständnis von kultureller Integrität und wertschätzender Identifikation beitragen.

Demzufolge wurde dem Domberg neben dem Döllberg zu Zeiten seiner bergmännischen Erschließung von den Menschen der Ansiedlung Suhla und der späteren Stadt Suhl eine hohe Verantwortung und eine herausragende wirtschaftliche Bedeutung für die umliegende Region zugesprochen. Doch diese Bedeutung für die stetig wachsende Stadt Suhl war nicht durchgängig, auch wenn man sich dahingehend redlich bemühte. Sie wurde von vielen unvorhersehbaren, aber auch von damaligen gesellschaftlichen und politischen Gegebenheiten und Einflüssen willkürlich infrage gestellt und bestimmt.

Mit dem , dem 16. Oktober 1634, der gleichbedeutend ist mit dem bis dahin wohl schwersten Schlag für Suhl, entließ das Schicksal den vorrangig in der Dienstbarkeit der Erzgewinnung genutzten Domberg, seiner selbst. An diesem düsteren Tag, wurde die seit 1527 mit städtischen Privilegien beurkundete Stadt Suhl, der Zerstörung durch kaiserliche Truppen unter dem Kroatengeneral ausgesetzt. Damit wurde der Bevölkerung von Suhl und der mit ihr n Handelsbeziehungen stehenden und territorial verbundenen Ortschaften und Kleinsiedlungen unermesslicher materieller, kultureller, sozialer und wirtschaftlicher Schaden zugefügt. Die Folge, dieser menschenverachtenden, weil kriegerisch-raumgreifenden Ausbeutung, Plünderung und Brandschatzung, hatte in jeglicher Hinsicht eine um sich greifende Verelendung der Stadt- und Landbevölkerung zur Folge. Der Erzbergbau, dass bis dahin auf vortreffliche Art und Weise erlernte, als dann getätigte Handwerk, sowie die Verarbeitung des hervorgebrachten Berggutes, ging nun einem elenden ugf. 100 Jahre andauernden Siechtum folgend, unweigerlich seinem Ende entgegen. Aber wie oft schon so geschehen, erlaubte sich das Schicksal noch einmal ein Aufleben, ein Aufleuchten, ein berauschendes Schwelgen in vergangenen fried- und freudvolleren Zeiten, in dem von neuem der Erzbergbau betrieben, und somit das Siegel der Hoffnungslosigkeit gebrochen werden konnte. So auch widerfährt es dem Domberg. Mit einer nochmaligen, im Schweif des ”Hennergergischen Bergfiebers„ stattfindenden wirtschaftlichen Entwicklung, und dem damit einhergehenden Bedarf an Erz, machten sich wieder viele einheimische Bergleute auf den Weg, um in seinem Massiv die Erzadern zu deuten, und ihnen zu folgten.

Doch es dauerte "nur" ungefähr hundert Jahre, und der letzte Bergmann war gezwungen sich vom Versorger seiner Familie abzuwenden. Verstaubt, seine starken und schwieligen Hände ein letztes Mal um seine stählerne Haue geschlungen, in der Gewissheit, sein bergmännisches Können, sein Stolz, seine Ehre und seine entbehrungsreichen Mühen, sind nun unweigerlich Bestandteile der regionalen Geschichtsschreibung, ging er einer ungewissen Zukunft entgegen. Sein letzter Blick zurück, mag nicht nur des Dombergs Seele gewidmet gewesen sein, sondern sich noch einmal erinnernd aufgerichtet haben, um dann, an der Ottilienkapelle für eine Weile innehaltend, einen des Dankes gebotenen Spruch über die Lippen schickend, bergabwärts den vorbezeichneten Hohlweg nach Hause zu beschreiten.